Ausgangslage

Die Städte sind seit jeher Experimentierfelder und Knotenpunkte des gesellschaftlichen Lebens. Im europäischen Verständnis sind sie Orte des Wohnens und Arbeitens, Motoren der Integration und des Wohlstands.

Heute ist überall zu spüren, dass viele dieser Funktionen aus unterschiedlichen Gründen in Frage gestellt sind. Ausgangspunkt der Sozialen Stadt war insbesondere der ökonomische Strukturwandel, der als Folge den Rückzug vieler Unternehmen und den Abbau von Arbeitsplätzen mit sich brachte. Besonders betroffen sind Industriestandorte, die in der jüngsten Vergangenheit vielfach noch eine Schlüsselfunktion für die Entwicklung ganzer Regionen hatten. In den letzten Jahren hat sich der Wandel im Einzelhandel mit einem Wegbrechen kleinteiliger Handels- und Geschäftsstrukturen bemerkbar gemacht. Die Konkurrenz zwischen den gewachsenen Haupt- und Nebenzentren und den neuen Betriebsformen und dezentralen Standorten auf der so genannten ‚grünen Wiese‘, aber auch Wettbewerbsnachteile Inhabergeführter Läden gegenüber großen Ketten führen dazu, dass Nebenzentren und auch Innenstädte an Attraktivität verlieren. Letztendlich konzentrieren sich als Folge der Funktionsverluste dann auch hier soziale und ökonomische Probleme.

Schwierigkeiten zeigen sich zunehmend auch in Wohnsiedlungen in kleinen und mittleren Städten. Gerade in Wohngebieten der 1950er und 1960er Jahre sind häufig einseitige Angebotsstrukturen und einfache Wohnungsqualität der Auslöser für mangelnde Nachfrage. Daraus ergeben sich oft Leerstände, was letztlich zu Attraktivitätsverlust, mangelnden Investitionen, Preisverfall etc. führt und die Standorte insgesamt von der weiteren Entwicklung abhängt. Für solche Bestände sollte immer sorgfältig abgewogen werden, welche mittelfristigen Entwicklungschancen bestehen, auch vor dem Hintergrund, dass mit steigender Fluktuation der Zusammenhalt im Quartier abnimmt und somit Nachbarschaften und soziale Integration an Qualität verlieren.

Auf der Strecke bleiben in ihrer Struktur überholte Standorte und damit Menschen auf der Suche nach neuer Orientierung. Waren es mit Beginn des Strukturwandels vor allem entlassene Facharbeiter, denen die Qualifikation für Tätigkeiten im sich entwickelnden Dienstleistungssektor fehlte, so zeigt sich heute, dass sich Bildungsarmut oft in den folgenden Generationen verfestigt. Damit stellt Bildung ein wesentliches Handlungsfeld dar, um die Chancen junger Menschen aus den betroffenen Gebieten am Arbeitsmarkt zu verbessern.

Zudem spüren Städte und Gemeinden die Auswirkungen des demografischen Wandels: Zum einen als Bevölkerungsrückgang in Folge einer durch zu wenige Geburten überalternden Gesellschaft. Zum anderen durch kleinräumige innerstädtische Wanderungsbewegungen, die zu einem verstärkten Bevölkerungsverlust in einzelnen Stadtteilen führen. Um den Bevölkerungsrückgang zu illustrieren: Die Einwohnerstatistik des Landesbetriebs ‚Information und Technik Nordrhein-Westfalen‘ prognostiziert etwa für die Städte des Ruhrgebiets eine Abnahme von 8,5 % im Zeitraum 2008 bis 2030, wobei die Abnahme für einzelne Städte auch über 15 % erreichen könnte.

Dabei haben die Gebiete der Sozialen Stadt nur vereinzelt mit Bevölkerungsverlusten zu kämpfen. Als sogenannte Zuwanderungsstadtteile weisen sie jedoch oft eine hohe Fluktuation auf, welche die Bildung guter nachbarschaftlicher Strukturen behindert. Durch die häufigen Zu- und Fortzüge bleiben die Quartiere anonym, die Menschen fühlen sich dort nicht wohl und verlassen das Quartier bald wieder. So verstärkt sich dieser Trend von selbst.

Ein weiterer Aspekt sind städtebauliche Strukturen, die nach heutigen Maßstäben nicht mehr zeitgemäß sind: Hochverdichtete Gründerzeitquartiere in schlechtem Bauzustand, Hochhaussiedlungen oder Quartiere mit schlichter Zeilenbebauung und mangelhaften Wohnumfeldqualitäten, ohne Treffpunkte oder Einkaufsmöglichkeiten erscheinen für Viele nicht mehr attraktiv – wer die Wahl hat, sucht nach Alternativen.

Vor allem in der großstädtischen Bevölkerung nimmt Zahl und Anteil der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte kontinuierlich zu. Dies gilt insbesondere für die jüngeren Altersgruppen. Sie bringen neue Anforderungen an ihre Umgebung und die Gemeinschaft mit. Sie bilden aber genauso ein wichtiges Potenzial für eine junge und lebendige Stadt. In der gezielten Förderung dieser Gruppe liegt daher eine wichtige gesamtstädtische Aufgabe für die künftige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Städte.

Die Bewältigung von wirtschaftlichem Strukturwandel und parallel verlaufenden gesellschaftlichen Veränderungsprozessen stellt die Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen vor enorme Herausforderungen, die sie nicht alleine bewältigen kann und soll. Durch enger werdende  finanzielle Spielräume der öffentlichen Haushalte gewinnen öffentlich-private Partnerschaften an Bedeutung. Es empfiehlt sich, die Arbeit in den benachteiligten Stadtteilen zu konzentrieren und die Probleme und Potenziale mit integrierten Handlungsansätzen konsequent in den Blick zu nehmen.
 

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